SUPPEN

 

 

 

 

Bernhard nahm das Huhn aus der Bouillon, befreite es von Haut und Knochen und schnitt es in kleine Stücke. Dazu pfiff er ein Potpourri der beliebtesten Melodien aus dem Autoradio. Angela nahm noch einen Schluck von dem trockenen Riesling. Sie bewunderte Bernhards Fähigkeit, von jetzt auf gleich alles abstreifen zu können, Lützenkirchen, die chronisch verstopften Autobahnen, das Telefon und die Banken, von seinem privaten Schlamassel gar nicht zu reden, sich einfach in die Küche zu stellen und eine gute Suppe zu kochen. Bernhard sagte immer, eine Suppe ist mehr als die Summe ihrer Zutaten. Der Riesling war ja eigentlich für eine Kremser Weinsuppe später gedacht, aber Bernhard war so versunken in seinem Tun, der merkte nichts. Außerdem ging der Wein, wie alle anderen Lebensmittel, auf Angelas Kosten. Bernhard zerhackte die zweite Zwiebel. Conny trat ein. Hmmm, das riecht hier ja schon wieder richtig lecker. Wisst ihr, wo ich das blöde Spiel bekommen habe? In einem Kaff hinter Leverkusen. Conny schaute Bernhard, der eine Zitrone warm abwusch, über die Schulter. Ihr Körper strahlte die Kälte des schönen Wintertages ab. Hühnersuppe? Peruanische Linsensuppe, antwortete Angela. Linsensuppe aus Peru, berichtigte Bernhard, eine Spezialität aus Südamerika. Conny schaltete den Fernseher ein, NTV, ohne Ton. Das Spiel bei dem alle verlieren. Allerdings, fast 200 Euro, ohne Spritkosten. Du musstest bis Leverkusen? Bis hinter Leverkusen, alle Kinder scheinen jetzt so fanatisch zu sein. Früher war es dieses Japanische, hab vergessen, wie das hieß. Aber verlieren? Die Suppe musste noch fünf Minuten ziehen. Eine Viertelstunde später schob Conny ihren zweiten Teller zur Seite, so, mehr schaffe ich wirklich nicht, aber es war ganz ausgezeichnet, Bernhard, ein Gedicht. Bernhard, du bist ein Goethe der Kochkunst, kicherte Angela. Nach dem Kaffee sollte die Bescherung stattfinden. Ich kann leider nicht teilnehmen, sagte Bernhard, weil ich jetzt den Teig für die Crêpes bereiten muss, die in die Kalbsbouillon sollen, sonst kommt unser Zeitplan durcheinander, der Teig muss eine Stunde lang zugedeckt quellen. Dann machen wir jetzt eine Bescherung für die Kinder und später, wenn der Teig ruht, eine für die Erwachsenen. Willst du zu den Kindern gehen, Conny, aber ich kann auch gehen. Ich würde schon gerne gehen, aber ich will mich auch nicht vordrängen. Sollen wir eine Münze werfen? Ach was, geh du, ich geh später. Typisch, dachte Angela und ging. Kaum hatte sie die Küche verlassen, sprang Conny auf und sagte, Bernhard, auf deinem Anrufbeantworter war sechsmal ein Herr Lützenkirchen, der ist fast ausgerastet, warum du nicht zurückrufst. Der kann mich mal an Heiligabend, ich bereite jetzt den Teig. Angela kehrte zurück. Na, das ging ja schnell. Wie die Engel, berichtete Angela, 200 Euro für Pappkarten und Holzfigürchen, in der Herstellung kosten die keine zwei. Erwachsene können das nicht verstehen, zitierte Conny den Slogan, den sie zehnmal am Tag im Fernsehen hörte, und dreißigmal von den Kindern. Tatsächlich hatte es Angela beunruhigt, wie ernst und sorgfältig die Kinder das Spielmaterial nach einem ihnen offenbar intuitiv bekannten komplexen Schema ordneten. Wie kleine Buchhalter. Wo doch von vornherein feststand, dass sie alle verlieren würden. Conny, du wolltest doch auch runtergehen. Aber nicht jetzt, jetzt ist doch Erwachsenenbescherung. Bernhard deckte den Teig zu und band sich die Schürze ab. Angela bekam eine Dokumentenmappe aus grünem Saffianleder und ein rotes Seidentuch, Conny einen schwarzen Montblanc-Füller und ein blaues Seidentuch, Bernhard schließlich zwei liebevoll ausgesuchte und aufwändig ausgestattete Bildbände Suppen. Überrascht sahen sie sich an und umarmten sich. In den abgestellten Gläsern perlten die Champagnerreste. Wir können jederzeit eins umtauschen. Nein, wieso, sagte Bernhard, eins für zuhause und eins für unterwegs. Du meinst, ein Exemplar für jede Wohnung. Conny leerte ihr Glas. Bernhard schaute auf die Uhr. In 47 Minuten sind die Crêpes dran, für die Kalbsbouillon. Wenn jemand ganz akuten Hunger hat, kann ich zwischendurch auch den Rest Gorgonzolarahmsuppe von heute morgen warm machen. Bloß nicht, ich platze. Ich wollte nach den Kindern sehen. Faribroth zeugete Hurtaly, der war ein starker Suppen-Esser und regiert' zur Zeit der Sündfluth, zitierte Bernhard, der wieder am Herd stand. Conny stand auf und schaltete das Radio an. Es folgte eine Aufnahme aus dem Jahr 1954. Sonny Rollins stieß ins Tenorsaxophon, Angela und Conny tanzten ausgelassen wie in alten Zeiten, Eric Dolphy entlockte seiner Bassklarinette zerrende, wilde Emotionen, Bernhard klapperte mit den Topfdeckeln. Eins der Kinder erschien in der Küche. Geht es nicht etwas leiser, wie sollen wir uns bei dem Krach auf das Spiel konzentrieren? Als niemand antwortete, schaltete es das Radio ab und verschwand. Die eingetretene Stille erinnerte Angela an ihre langen Nachmittage in dem Haus an der See. Bernhard aß als einziger von der aufgewärmten Suppe. Angela blätterte in Suppen und stieß auf die ewige Suppe, ein großer Kessel, in dem die entnommenen Portionen täglich durch die Zugabe von Resten und Brühe ausgeglichen werden, alles immer gut durchgemischt, und das über Jahre hinweg, so dass die Suppe allmählich eine Art flüssiges Gedächtnis wird, in dem die Zutaten aller Tage durcheinander schweben. Draußen begann es zu schneien. Angela schaltete den Fernseher aus. Conny ging hinunter, um die Kinder, wenn sie alle verloren hatten, zu trösten. Angela folgte ihr. Bernhard dachte, noch 34 Minuten.