DIE POESIE VON BABYLON

 

 

 

 

WO PHANTASIE SICH SONST MIT KUEHNEM FLUG

UND HOFFNUNGSVOLL ZUM EWIGEN ERWEITERT
DA IST EIN KLEINER RAUM IHR NUN GENUG

Paul Kreide: Proteus

 

Kaum hat der Studiendirektor i.R. diese Verse verlesen und nicht ohne Pedanterie festgestellt, dass es sich um eine ebenso brillante wie getreue Paraphrase über ein Zitat aus Goethes Faust handelt, scheiden sich auch schon die Geister an ihrer Interpretation. Ein Teil der Zuhörer plädiert dafür, dass das Werk, „dessen kompakter Korpus einen ganzen poetischen Kosmos birgt” (H. Karasek) hier eine treffende Beschreibung seiner selbst liefere. Andere vertreten die Ansicht, der Dichter habe in diesen Zeilen sein jüngstes Schicksal in prophetischer Manier vorausgeahnt. (Zu Beginn des Abends ist eine diesbezügliche Unterschriftenaktion durchgeführt worden.) Eine heftige Diskussion entbrennt. Heiße Köpfe und gerötete Gesichter widerlegen das verbreitete Klischee, Avantgardelyrik sei nur ein blutleeres Glasperlenspiel für Lebensfremde.

Schauplatz der Szene ist nämlich nicht etwa ein ästhetischer Salon voller hommes de lettres, sondern ein stinknormales deutsches Wohnzimmer. Die Anwesenden repräsentieren die breitesten Schichten der Bevölkerung: Arbeiter, Angestellte, Studenten und Bürger. Wir befinden uns in einem der ungezählten Lesekreise, die sich exklusiv der Lektüre von Paul Kreides unkonventionellem Gedichtband verschrieben haben.

 

Seit Monaten unter den zwanzig meistverkauften Titeln des deutschen Buchhandels rangierend, beweist der Proteus, dass sich die Verbreitung zeitgenössischer Lyrik nicht auf Elfenbeintürme und Ramschtische beschränken muss. Wie ein David unter den Goliaths schlägt das Werk mit seinen noch nicht einmal dreißig Seiten bibeldicke Grishams, Gordons und Folletts im Kampf um die Lesergunst.

Auch der internationale Erfolg beginnt sich nun abzuzeichnen mit großer Verspätung, da die Übersetzer die komplexen formalen Strukturen nur unter äußersten Mühen in den Griff bekamen. Die Schwierigkeiten reichten bis hin zu Problemen der Geometrie und der Statistik. Mittlerweile jedoch ist der Proteus in britischem Englisch, auf französisch, auf italienisch und demnächst auch in amerikanischem Englisch erhältlich. Die Ankündigung einer chinesischen Ausgabe ist natürlich nur als Scherz zu verstehen.

Überdies sorgt seit drei Wochen eine dokumentarische Verfilmung unter dem Titel Eine kurze Geschichte des Proteus für ausverkaufte Lichtspielhäuser. Während kritische Stimmen die willkürliche Auswahl der dargestellten Facetten bemängeln, begeistern das breite Publikum die berühmten Szenen mit der unglaublichen Tricktechnik: In computerretouchierten Archivaufnahmen schüttelt ein digital eingefügter Paul Kreide Goethe, Mallarmé und Borges die Hand, ohne dass die Manipulation erkennbar wäre.

 

Werfen wir einen Blick auf die Gedichtesammlung, die im Zeitalter von MTV und internet derartige Popularität erlangen konnte. Die radikale Modernität des Werkes tritt bereits in seiner äußeren Gestalt zutage. So wird dem Käufer des Proteus kein herkömmliches aus gebundenen oder geleimten Seiten bestehendes Buch ausgehändigt. Statt dessen erhält er einen unregelmäßigen Polyeder mit sechsundzwanzig drei- bis achteckigen Seitenflächen, deren Größe stark variiert, und denen jeweils ein anderer Buchstabe des lateinischen Alphabets aufgeprägt ist. Während ein konventionelles Buch zum Lesen aufgeschlagen wird, wird der Proteus „geworfen”. Vereinfacht kann man sich diesen Vorgang wie das Werfen eines Würfels durch einen Glücksspieler vorstellen. Gelesen wird dann der Buchstabe der zuunterst liegenden Seite.

Die Häufigkeit mit der ein Buchstabe geworfen wird, entspricht der Häufigkeit jenes Buchstaben in Texten der deutschen Sprache. In der Urform des Proteus bewirkte dies eine im Inneren verborgene Anordnung beweglicher Beschichtungen, Schwungscheiben und Federgewichte, bei deren Herstellung nicht weniger als vierzehn Metalle und Mineralien verarbeitet wurden, außerdem Wachs, Gummi Arabicum und verschiedene Fluide.

Der Mechanismus war so empfindlich wie komplex. Schon bei geringen Temperaturschwankungen verursachte die veränderte Dichte der einen oder anderen Komponente eine Abweichung von den korrekten Buchstabenhäufigkeiten. Die Lektüre war daher nur innerhalb eines sehr engen Temperaturbereichs möglich.

Nicht zuletzt durch diesen Umstand geriet die erste öffentliche Lesung zum Fiasko. Der Vortragende zeigte sich durch die ständige Beobachtung des Thermometers merklich abgelenkt. Das dauernde Öffnen und Schließen der Fenster, die vielen Unterbrechungen zum Aufheizen oder Abkühlen des Raumes machten es dem Publikum schließlich unmöglich, sich auf den Text zu konzentrieren. Weiterhin wurde die undeutliche Aussprache des Dichters beklagt. Viele Zuhörer verließen die Veranstaltung vorzeitig.

 

Was andere entmutigt hätte, trieb Paul Kreide zum Rückzug in sein stilles Laboratorium. Monate im Dienste der Muse führten schließlich zur Perfektionierung des Proteus in zweierlei Hinsicht: Zum einen entstand die heute im Buchhandel erhältliche Vollplastikausgabe, auf deren Lektüre man weder in der Sauna noch im Kühlhaus verzichten muss.

Die zweite, konzeptionelle Verbesserung lag in der überwindung der im Rückblick geradezu anachronistisch anmutenden Linearität der Rezeption. Kreide beschloss, die Resultate der einzelnen Würfe nicht mehr als Glieder einer chronologisch determinierten Sequenz aufzufassen, sondern als Knotenpunkte eines vollständigen Verbindungsgraphen. Die Wirkung war dramatisch; mit einem Schlag erhielt das Werk eine Fuuml;lle sich reizvoll überlagernder Lesarten.

Ein Beispiel soll den Fortschritt veranschaulichen: Durch die in der Urfassung erscheinende Passage:

 

„LNEHAOREUNEEXMPNBCOGEDENDDNEDIICRSMPHEQNITSNF”

 

schimmern nun in kunstvollem Zwielicht die Worte

 

„DEINEN SCHAUERNDEN POMP BORGE DEM ENDLICHEN”

(übrig: „EXNQITSHSNF”)

 

ebenso wie die scheinbar prosaische Feststellung

 

„DIE MEISTEN MENSCHEN HABEN EINEN SCHNUPFEN”

(übrig: „LORXPOGDDDRQ”)

 

(Die jeweils überzähligen Buchstaben bilden einen Grundstock für weitere Verse.) Und dies sind nur drei aus Tausenden von Möglichkeiten, sich jener Textstelle zu nähern. Keine von ihnen ist die „eigentliche” oder gar die „richtige”. Sie alle sind gleichwertig und verbinden sich zu einer Einheit, „deren Vielgestalt und Farbenpracht an das Gefieder des Königpfaus erinnert” (P. Kreide).

 

Somit waren die Weichen für den Triumphzug gestellt. Seine Haltestellen: begeisterte Kritiken, reißender Absatz, Ehrungen und Auszeichnungen – all dies wurde von den Medien in ermüdender Ausführlichkeit berichtet. Hervorzuheben bleibt, dass der Proteus nicht allein das literarische Leben, sondern auch das Leben der Menschen nachhaltig beeinflusst:

Ein Pensionär im Märkischen erklärte es zu seiner Lebensaufgabe, sämtliche Balladen Schillers zu extrahieren, ein Rentner aus Toulouse übertrumpfte ihn mit a la recherche de temps perdu. Junge Mädchen schwören unter Tränen, dass der Proteus an sie persönlich gerichtete Nachrichten Paul Kreides enthalte. Der Erzbischof von Fulda warnte vor den „Versen Babylons”, eine Gruppe von Schwärmern entdeckte in dem Gedichtband ein apokryphes Evangelium.

Auch das Leben des Autors hat sich geändert. Am Abend des Gründonnerstags ist Paul Kreide verhaftet worden. Die Anklage lautete, er habe im Proteus verschlüsselte Geheimpläne zur Landesverteidigung offengelegt, und so die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland in erheblichem Maße gefährdet. Der empörte Aufschrei der Bevölkerung verhallte wirkungslos. Trotz aller Petitionen und Lichterketten musste der Dichter eine mehrjährige Haftstrafe antreten.

Dennoch können die fans weiterhin aus gutem Grunde hoffen und harren. Gerüchten zufolge nutzt Paul Kreide gleich dem Cervantes die Ruhe seines Ortes dazu, an einem opus magnum zu feilen, das der Dichtkunst völlig neue Dimensionen erschließen soll.