DER SCHATTENGARTEN

 

 

 

 

Die Lebensbeschreibungen berühmter Personen[1] werden, besonders wenn man sie in großer Zahl und schnell hintereinander wegliest, bald als ermüdende Lektüre empfunden. Das liegt unter anderem daran, dass die zugrunde liegende Struktur stets die gleiche ist. Jedes dieser Leben verläuft nach dem Vorbild der Kalenderzeit streng linear. Auch wenn Cäsar alles zugleich machen musste, erledigte er doch eins nach dem anderen.

Beobachtungen auf hohem Abstraktionsniveau wirken leicht banal; die vorhergehende wäre es tatsächlich, wenn sie keine Ausnahme zuließe, von der ich im Folgenden berichten will.

Die Hauptpersonen sind – im üblichen oder in einem anderen Sinn – mein Onkel Otho N., ein Experte für Verbrennung und Gasdynamik und ein ungewöhnlicher Ästhet.

Um keine falschen Erwartungen zu erwecken, sei vorausgeschickt, dass Onkel Otho als naturwissenschaftlich gebildeter Mensch die bekannten Naturgesetze in vorbildlicher Weise beachtete. Als bekennender Atheist und Positivist verzichtete er auf den Einsatz magischer Arkana, auch solcher vorgeblich technologischer Natur, wie die time machine des Dr. Wells, kybernetische Matrizes etc..

Tatsächlich vermag jeder seinem Beispiel zu folgen.

 

Onkel Othos Lebenslauf beginnt konventionell: Geburt, Kindheit, Universitätsjahre. Früh galt er in seinem Fach als kommender Mann. Wie mir Fachleute berichten, schmückt seine prächtige „Darstellung der Stromlinien und vorticity-Isoflächen im Rückstrahl einer Stokes-Turbine” noch heute den Empfangsbereich der Hauptverwaltung der Navier-Stokes-Werke.

Im Alter von sechsunddreißig Jahren privatisierte er, um sich der Lektüre seltener Bücher zu widmen. Später ließ er in seinem Haus einen Schattengarten[2] installieren, den ersten Europas. All das ist hinreichend bekannt. Weniger bekannt ist die besondere Höflichkeit meines Onkels, da er sie niemals zur Schau stellte. Zum ersten Mal registrierte ich sie bei der folgenden Gelegenheit.

Während meiner Berliner Studentenzeit begegnete ich Onkel Otho häufig im Restaurant. Es ging das Gerücht, er halte sich in der Hauptstadt ein oder zwei Geliebte. Einmal, es mag bei Langhoff oder im Eiskeller gewesen sein, fragte uns beim Eintreten ein neuer Oberkellner, wie viele Personen denn noch kämen. Onkel Otho verzog das Gesicht wie beim Verkosten eines minderwertigen Weins: „Ich nehme an, sie wollten fragen, wie viele Plätze wir benötigen. Der Tisch am Fenster wird ausreichen.”

Der Ober verneigte sich hastig, im offensichtlichen Bewusstsein, einen Fauxpas begangen zu haben, und in ebenso offensichtlicher Unkenntnis darüber, worin der Fauxpas bestanden haben könnte.

Diese Frage beantwortete uns mein Onkel während des Essens: Sicherlich sei es manchmal aus praktischen Gründen unumgänglich, die Stärke einer Personengruppe zu ermitteln. Dennoch zeuge es von schlechtem Geschmack, eine solche Quantifizierung unmittelbar zur Sprache zu bringen und somit Menschen, Individuen, zu bloßen Zählgrößen zu degradieren. Die Japaner verlängerten in dieser Situation das Zahlwort um eine Endsilbe, zur Kennzeichnung der unhäflichen Abstraktion. Tatsächlich verfügten sie sogar über mehrere Endsilben für die verschiedenen Kategorien von Personen, zum Beispiel für die Angehörigen der kaiserlichen Familie[3]. Unbegreiflich dagegen, dass die Sprache Goethes und Nietzsches noch nicht einmal zwischen Kopf- und Stückzahlen unterscheide. Drei philosophische gentlemen, mit uns war Gerald Ritter, ein Schüler Burkhard Nebels, seien ebenso „drei” wie die Bratklopse auf seinem Teller.

 

Der Punkt, an dem Onkel Othos Lebenslauf vom Üblichen abzuweichen begann, markiert weniger eine Wende als eine Verzweigung.

Es war an einem Abend im Frühsommer des Jahres 19xx. Zwei andere Onkel, deren Namen in der Familie bleiben sollen, veranstalteten anlässlich ihrer vierzigjährigen Dienstjubiläen ein Kostümfest. Im Saal tanzten Mischwesen zu moderner Musik; der Garten war kühl und erfüllt vom Duft der Lorbeerbäume. Zwischen ihnen diskutierte ich mit einer bekannten Persönlichkeit die soziale Frage und die jüngsten Tendenzen. Wir waren gerade zwangsläufig bei einer ganz andern bekannten Persönlichkeit angelangt, als die vom Haus her periodisch anrollenden Basstöne plötzlich ausblieben.

Ahnungsvoll begaben wir uns ins Innere, wo Verwirrung und Durcheinander herrschten. Von allen Seiten hörte man, „Gestalten von der Straße” seien eingedrungen. Einige Gäste wollten zur Verteidigung des Hauses eilen, die meisten liefen in ihren phantastischen Aufmachungen kopflos umher. Im Zentrum der Aufregung wurden deren lächerlicher Anlass offenbar: Fünf oder sechs Robin Hoods, darunter mein jüngerer Bruder sowie der Kombinatoriker Erich Ritter, hielten mit ihren Zierdegen einen gewöhnlichen Mann in Schach.

Einer der Gastgeber, als Pecuchét kostümiert, bahnte sich seinen Weg durch die Umstehenden zu dem vermeintlichen Eindringling, der schüchtern ein Blatt Papier entfaltete. Ich erkannte eine der üblichen Einladungen, mit einem handschriftlichen Zusatz versehen. Pecuchét riss es ihm aus der Hand und las.

„Was soll das heißen? – ‚Entsende einen Stellvertreter in der Maske des Jedermann.’ ”

Wie sich nun herausstellte war der Mann in Vertretung Onkel Othos gekommen, der „einer leichten Kränkung wegen” das Bett hüten musste.

Einer, der immer gern den Geistreichen mimt, und konsequenterweise als Voltaire erschienen war, fragte ihn, ob er als ein als Jedermann verkleideter Otho N. auftrete, oder ob er sich direkt als Jedermann verkleidet habe, wie es ja eigentlich Otho N. getan hätte.

„Und überhaupt!”, versetzte Pecuchét, „ ‚Jedermann’ – was soll das für ein Kostüm sein?”

Zu guter Letzt drückte man dem stellvertretenden Jedermann ein Glas in die Hand und trank mit ihm auf das Wohl des auf so rational erklärbare Weise gleichzeitig an- und abwesenden Otho N..

Die Zeitungen ließen den Vorfall natürlich unerwähnt. In den abgedruckten Gästelisten erschien Onkel Othos Name ohne jeden Kommentar.

 

Da Jedermanns erstem Auftritt auf dem Doppeljubiläum viele weitere folgten, erscheint eine Beschreibung nicht unangebracht. Ein gewöhnlicher, zur Korpulenz neigender Mann steckte unbehaglich in einem sogenannten guten Anzug. Die Gesichtshaut war rötlich und großporig. Wenn er in einen Gesang einstimmte oder ein Epigramm meines Onkels verlas, vernahm man einen angenehmen Tenor. Ansonsten gab er sich wortkarg und passiv, ohne deswegen unfreundlich oder abweisend zu erscheinen.

Es erhebt sich die Frage, warum Onkel Otho einen Stellvertreter eingesetzt hatte, der in jeder Hinsicht sein Gegenteil darstellte. Damals führte ich es auf seine eingangs erwähnte Höflichkeit zurück. Ein ihm ähnlicher Stellvertreter oder gar ein Doppelgänger hätte leicht den Eindruck erwecken können, er wolle seine Mitmenschen täuschen und unterstelle ihnen somit ein wenig entwickeltes Unterscheidungsvermögen.

Ich wäre dem gerne weiter auf den Grund gegangen, hätten nicht eine persönliche Verpflichtung sowie der Bau eines Kraftwerks meine Anwesenheit im Ausland erfordert. So verlor ich Onkel Otho für einige Monate aus den Augen.

 

Nach meiner Rückkehr nahm ich mit Walter Ungruen einen Umweg durch die Unterstadt. Gerade äußerte ich die Ansicht, im Kern alles beim Alten geblieben, als mein Begleiter plötzlich halt machte und mit dem Spazierstock auf das Fenster einer Grillstube deutete. Es handelte sich um eine gewöhnliche Garküche, wie man sie an den Straßenecken der Unterstädte zu finden gewohnt ist.  Hinter einem Schleier aus Fettdünsten verzehrten zwei oder drei Männer lieblos zubereitete Schnellgerichte; ein weiterer studierte die eintönige Stochastik des Geldspielautomaten. Die Trivialität der Szene wurde zusätzlich erhöht durch die im Hintergrund ablaufende Übertragung eines Fußballmatches.

„Jeder dieser Männer hat während Ihrer Abwesenheit zumindest kurzzeitig Ihren Onkel, Herrn Otho N., vertreten, der Schnellkoch eingeschlossen.” Letztgenannter säuberte gerade die Fritiereinsätze.

„Was für ein unwahrscheinliches Zusammentreffen!”, rief ich aus.

„Au contraire.”, erwiderte Walter Ungruen.

Ich erfuhr, dass die Jedermänner sich in erstaunlichem Ausmaß vermehrt hatten. Onkel Othos Lebenslauf hatte die Gestalt eines Rhizoms angenommen, eines labyrinthisch verästelten Wurzelgeflechts. Walter Ungruen zufolge war es soweit gediehen, dass ein Unbekannter in einer Gesellschaft unwillkürlich mit Herr N. angeredet wurde.

 

Noch am selben Tag speiste ich im Ingenieurklub mit den acht besten Freunden Onkel Othos. Sie erklärten mir, der Kontakt zu ihm sei unverändert. Nach wie vor treffe man sich beinahe täglich, wenn auch nicht mehr persönlich.

Daraufhin begann ich, systematisch Erkundigungen einzuziehen. Bemerkenswertes trat zutage. Gar nicht wenige identifizierten mittlerweile Onkel Otho mit seinen zahllosen Stellvertretern und wirkten irritiert, wenn man sie damit konfrontierte, dass es sich um verschiedene Personen handelte. Diejenigen, die noch zwischen dem Original und seinen unähnlichen Kopien zu unterscheiden wussten, hatten dagegen beobachtet, dass seit geraumer Zeit ausschließlich Kopien im Umlauf waren. Auf jeder Hand lag eine Erklärung:

Onkel Otho sei gestorben, nach Patagonien ausgewandert und würde sein Haus auf dem Schlossberg nicht mehr verlassen. Vor einem Schachbrett und zwei im Winkel vom 60° zueinander aufgestellten Spiegeln wähne er sich in einer Partie mit unendlich vielen Gegnern. Auch gäbe es einen politischen Hintergrund. Er sei ein Gefangener der Jedermänner, die er mittels Hypnose kontrolliere und deren ewige Sukzession er testamentarisch verfügt habe, um so den Anschein von Unsterblichkeit zu erwecken. Das Ganze sei ein philosophisches Experiment.

„Ihr Onkel ist eben ein Lebenskünstler.”, versicherte mir der Friseur Kausel, obwohl man ihn in der Rolle des Otho N. mindestens einmal ernsthaft verprügelt hatte.

 

Schließlich begab ich mich zum Haus meines Onkels. An jenem Vormittag, so hatte ich in Erfahrung gebracht, wurde er zu mehreren Terminen an verschiedenen Orten erwartet. Nachdem ebenso viele Wagen die Auffahrt passiert hatten, schellte ich an. Ich wurde sofort vorgelassen. Im Arbeitszimmer empfing mich ein Jedermann, dessen Bart und Baßstimme an Karl Marx erinnerten. Er begrüßte „den lieben Neffen” äußerst freundlich, erkundigte sich nach meinem Auslandsaufenthalt und zeigt sich gerne bereit, die von mir zum Schein vorgebrachte technische Frage zu diskutieren. Unter unsäglichem Gefasel spazierte er zwischen den Aktenschränken hin und her, entnahm ihnen bald diese, bald jene Blaupause und demonstrierte in jeder erdenklichen Weise vollkommene Ignoranz.

Etwa eine Viertelstunde lang ließ ich diese Vorstellung über mich ergehen, dann zog ich aus meiner Mappe ein engbeschriebenes Din-A3-Blatt, das ich mit Hilfe befreundeter Mitarbeiter des Instituts für Gasdynamik und Verbrennung präpariert hatte. Das untere Drittel nahm eine Erhaltungsgleichung ein. Zu ihrem Ende hin tauchte ein Symmetrieschwankungen bilanzierender Korrekturterm auf, bei dem an einer Stelle, an der jeder Fachmann ein großes Omega erwartet hätte, statt dessen eine weit geöffnete Klammer gähnte. Das konnte ebenso gut ein ordinärer Tippfehler sein wie eine frappierende Anwendung der damals gerade in Mode gekommenen character substitution method[4].

Der Effekt trat so mechanisch ein, dass es mir beinahe peinlich war. Unwillkürlich fuhr mein Gesprächspartner mit dem Finger auf die entscheidende Stelle. Dann erst erkannte er ihren wahren Charakter.

Die abschließende Unterredung führten wir in dem einzigen Zimmer, das Ausblick auf den berühmten Schattengarten bot. Da der Himmel bewölkt war, sah man nichts als einen leeren Innenhof mit weißgekalkten Wänden.



[1] Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Band 1-10. Plutarch: Parallelbiographien. Emil Ludwig: Genie und Charakter.

[2] Hier ist von optischen Schattengärten die Rede. Mitunter werden auch Pflanzengärten, die im Schatten von Bäumen und Gebäuden angelegt sind, als Schattengarten bezeichnet.

[3]Hier scheint Onkel Otho zu irren. Langenscheidts Sprachführer Japanisch (1997) kennt nur ein Zahlwortsuffix für Personen („-nin”), eines für „vierfüßige (nicht große) Tiere” und fünf für verschiedene Kategorien von Gegenständen.

[4] Leider wendet sich die vorhandene Literatur ausschließlich an Experten.