IM KÜHLSCHRANK

 

 

 

 

Herr Gerst trainiert sein Gedächtnis. Er ist alt und lebt allein in einem großen Kühlschrank. Die Tür bleibt aus Energiespargründen stets geschlossen. Herrn Gersts Augen liegen separat im Gefrierfach, in Folie eingeschweißt, für alle Fälle. Lesen könnte er ohnehin nur bei geöffneter Tür. Die Nährwerte der Lebensmittel kennt er auswendig. Es sind nicht mehr so viele.

 

Auch im Kühlschrank gibt es Tag und Nacht. Nachts ist das Brummen etwas stärker. Herrn Gerst stört das nicht. Besser als Totenstille, sagt er sich. In seiner Jugend hat er sich sehr für Elektrizität interessiert. Ein bißchen was ist hängengeblieben, aber reparieren könnte er den Kühlschrank nicht. Der muß noch ein paar Jahre halten. Toi, toi, toi.

 

Um den Kühlschrank herum stehen breitbeinig drei Männer mit grauen Mähnen und Schnäuzern. Einer zeigt auf den Kühlschrank und pfeift durch die Zähne - "92.000 Euro." Die anderen nicken respektvoll.

 

Außerhalb des Kühlschranks gilt Herr Gerst als "verhindert". Die Tochter lebt in Köln, der Sohn, ein bekannter Chirurg, in Ingolstadt. Die Funktionen des Gehirns sind lokalisierbar; es gibt sogenannte Hirn-Atlanten. Fällt ein Teil aus, so wird die entsprechende Funktion unter Umständen von einem anderen Teil übernommen. Die rechte Hemisphäre liegt in kalt gepreßtem Olivenöl. Mit der linken denkt Herr Gerst. Seine Träume werden immer realistischer.

Einmal stand der Kühlschrank in einer Ausstellung, hinter einer Samtkordel, in Paris. Wie kann ich das wissen, dachte Herr Gerst und wachte auf.

 

Dann und wann läßt Herr Gerst sein bisheriges Leben im Geiste Revue passieren. Sein Leben im Kühlschrank, sein Leben vorher: alles gestochen scharf, nur der Übergang bleibt verschwommen. Im Großen und Ganzen aber muß man zufrieden sein.